Ab in den Käfig:
Die Rückkehr der Straßenfußballer

Fußball im Käfig wird immer beliebter. Vor allem im Winter können sich die Soccer-Hallen mit ihren Kleinspielfeldern mitsamt Rundum-Bande vor Buchungen kaum retten. Auch der DFB hat es mittlerweile gemerkt: Fußball macht besonders viel Spaß, wenn der Ball nie ins Aus geht und es keine Verschnaufpausen gibt. Ausgerechnet Steffi Graf und Boris Becker haben ihren Teil zum Banden-Fußball-Hype beigetragen. In „Soccout“ ist nun eine neue Trendsportart auf den Plan getreten, die den Banden- und Tempo-Hype auf die Spitze treibt.

Torjubel.  © belamy / Fotolia.comKein Grüner Rasen, keine weißen Linien, aber acht Banden und Mini-Tore. So sehen die „Octagon-Arenen“ aus, in denen „Soccout“ gespielt wird. Über den Banden befindet sich ein rund um das Spielfeld verlaufendes Netz, das auch nach oben hin abschließt – deshalb werden die Spielfelder auch „Soccer-Cages“ – also Käfige – genannt. Es geht entweder im Eins-gegen-Eins oder im Zwei-Gegen-Zwei zur Sache. Gewonnen hat das Team bzw. der Spieler, der zuerst drei Tore schießt – oder dem Gegner einen „Soccout“ verpasst, auch als „Panna-K.O.“ bezeichnet: Hierbei muss der Gegenspieler getunnelt werden, d.h. man muss ihm den Ball durch die Beine spielen. Als „Soccout“ zählt der Beinschuss aber nur, wenn die Kugel direkt danach vom tunnelnden Spieler wieder unter Kontrolle gebracht werden kann.

Für „Soccout“ gibt es bereits ganze Ranglisten. Was die Trendsportart so besonders macht, ist das enorme Tempo: Dadurch, dass es kein Aus gibt und der Ball damit immer im Spiel bleibt, gibt es keine Verschnaufpause. Jeder Fehler wird bestraft, jede erfolgreiche Aktion hat ein Tor zur Folge. Gefragt sind Reaktionsgeschwindigkeit und Zweikampfstärke. Basics, die sich auch für das normale Fußballspiel auszahlen – also auch ein toller Trainingseffekt für den Rasenfußballer, der es nicht immer so hektisch braucht.

Die Rückkehr des Straßenfußballs.  © Wanja Jacob / Fotolia.com 

Soccout: Tunneln, Technik und Tempo

Die „Soccer-Cages“, in denen das schnelle, actionreiche Spiel ausgeübt werden kann, werden inzwischen auch mit kreisrunder Bande gebaut. Dadurch werden die Abpraller von der Bande noch schwieriger zu berechnen. Einen besonderen Reiz beim Soccout haben die Panna-K.O.s. Tunnel gelten ohnehin unter Fußballern als Höchststrafe für einen Verteidiger und werden deshalb ohnehin schon tunlichst vermieden. Durch die Spezialregel beim Soccout erlangt der Beinschuss sogar spielentscheidenden Charakter, was einen großen Reiz des Soccout ausmacht. Tunnelt man einen Gegner beim Torschuss, zählt das derweil nicht als Sofort-K.O., sondern maximal als Tor.

Soccout kommt ursprünglich aus dem südamerikanischen Surinam, von wo es die niederländischen Kolonisten unter dem Namen „Panna K.O.“ mit nach Europa brachten. Mittlerweile ist es auch in Deutschland beliebt. „Durch die Möglichkeit, das Spiel mit einem Beinschuss elegant zu gewinnen, wird verhindert, dass sich ein sinnloses Gebolze entwickelt“, erklärt Soccout-Experte Martin Wagner. Im Vergleich zum normalen Mannschaftsfußball werde das Spiel viel schneller, der Spieler komme auf bis zu 30 Ballberührungen pro Minute. „Daraus entwickelt er spielerisch seine Technik“, so Wagner.

Street Football.  © Eduard Warkentin / Fotolia.com 

Bandenfußball auf dem Vormarsch: Soccerhallen immer beliebter

Der Unterschied zum handelsüblichen Fußball liegt neben dem Tempo und dem engen Raum also vor allem darin, dass die Spielform 1-gegen-1 äußerst beliebt ist, Fußball also nicht mehr zwangsläufig als Mannschaftssportart gespielt wird, sondern ein starker Fokus auf den Einzelkönner gelegt wird. Ein Problem ist aber die Auswahl an Spielorten: Nur eine Handvoll der Courts gibt es in Deutschland, die Anfertigung der Spielfelder ist aufwändig und wird in der Regel den professionellen Sportgerätherstellern überlassen, was dann allerdings wiederum extrem teuer ist. Der normale Mannschaftsfußball, für den man im Normalfall nicht mehr als ein wenig Platz, einen Ball und beliebige Gegenstände wie Jacken oder Schultaschen braucht, um ihn auszuüben, wird also so schnell keine ernsthafte Konkurrenz zu befürchten haben.

Weniger Standortprobleme haben die Soccer-Hallen, von denen es in Deutschland mittlerweile tausende gibt. Die Hallen sind ein Paradies für Hobby- und Vereinsfußballer: Hier gibt es kleine, meist etwa 30 mal 15 Meter große Kunstrasen-Spielfelder, garniert mit Rundum-Bande. Sie sind eine Nummer größer als die Soccout-Courts, sodass hier eher 5-gegen-5 Duelle anstehen. Die Betreiber der Hallen können sich vor allem im Winter kaum vor Buchungsanfragen retten: Wenn draußen Eis und Schnee im Weg sind, suchen viele Kicker den Weg in die Hallen. Doch auch im Sommer sind die Courts beliebt. „Das Spiel in einem Soccer-Court mit Rundum-Bande macht den Fußballern einfach unglaublich viel Spaß. Überall in Deutschland gibt es immer mehr solcher Spielfelder“, sagt Heinz Patzelt von sportwettentest.net gegenüber der Redaktion.

Fußballtor auf einem Bolzplatz für Kinder im Dorf.  © Andrea Sachs / Fotolia.com 

Indoor-Fußball-Spaß dank Steffi Graf und Boris Becker

Für die vielen Möglichkeiten zum Indoor-Fußball mit höchster Intensität, die es in Deutschland gibt, können sich die Kicker ausgerechnet bei den Tennis-Größen Boris Becker und Steffi Graf bedanken, deren Grand-Slam-Erfolge in den späten 80er und frühen 90er Jahren einen wahren Hype um das Spiel mit der gelben Filzkugel auslöste. Plötzlich wurden nämlich im ganzen Land Tennis-Hallen errichtet, um dem Ansturm der Massen auf den „Weißen Sport“ gerecht werden zu können. Der Ansturm freilich hat nachgelassen, und viele Hallenbetreiber entschieden sich gegen den finanziellen Ruin und für den Umstieg auf Kunstrasen-Fußball. Dass sich dahinter ein riesen Geschäft verbirgt, hätte wohl kaum einer gedacht.

Von Vereinsmannschaften, die im Winter Ausweichmöglichkeiten für ihr Training suchen, bis hin zu Thekenmannschaften, die sich für ihren wöchentlichen Feierabend-Kick in einer Indoor-Fußball-Halle treffen – die Fußballer geben sich die Klinke in die Hand, und das Beste für die Betreiber: Sie alle zahlen Mietgebühren für die Plätze. Da die Instandhaltung der Hallen nicht besonders aufwändig ist, klingeln die Kassen der Inhaber.

Der Bandenfußball-Trend in Deutschland ist eine kleine Rückkehr des Straßenfußballs. Es geht plötzlich nicht um Taktik, sondern vor allem um Technik: Intuitives Spiel ist aufgrund der Banden um das Spielfeld herum und dem daraus resultierenden verschärften Tempo unabdingbar. Im „Soccout“ hat die Entwicklung ihren extremsten Vertreter hervorgebracht, der den Fokus noch viel stärker auf die individuellen Fähigkeiten der Spieler legt und auch die Tugend vom Tunneln, die auf den Bolzplätzen der Republik zum Teil wichtiger zu sein scheint als das eigentliche Ziel des Spiels, das Tore schießen, stark in den Fokus rückt.

Fußballtor auf einem Bolzplatz für Kinder im Dorf.   © sonnenflut products / Fotolia.com 

Der Mythos vom ausgestorbenen Straßenfußballer

Auch der DFB ist mit seinem Projekt „1000 Minispielfelder für Deutschland“ auf den Trend aufgesprungen und für einen zweistelligen Millionenbetrag 1000 Felder mit Rundum-Bande im ganzen Land verteilt, von denen das letzte 2009 eröffnet wurde.

Im deutschen Spitzenfußball gibt es derweil schon länger die These vom „Aussterben des Straßenbußballs“, was angeblich zulasten der technischen Fähigkeiten von Spitzenfußballern geht. Dribbelkünstler wie etwa ein Thomas Häßler, der in den 90er-Jahren die Bundesliga verzauberte, gab es Anfang bis Mitte der 2000er Jahre nur wenige in der Bundesliga zu sehen, und die deutsche Nationalmannschaft sehnte sich nach Technikern, die ein wenig spielerischen Glanz versprühten. Dass die Theorie nicht ganz zutrifft, sieht man an der aktuellen Besetzung der Nationalelf. Mit Mesut Özil führt hier ein Spieler Regie, der den Typ des Bolzplatzspielers wie kein Zweiter verkörpert. Der Deutsch-Türke wurde in Gelsenkirchen groß und machte seine ersten Schritte auf einem Bolzplatz, den die Kinder nur „Affenkäfig“ nannten, weil die Zäune ringsumher jeden Ball sofort zurück ins Spiel brachten.

Nikes Käfig-Kampagne, DFB schafft Bandenfußball ab

Da ist er also wieder, der Mythos vom Käfig-Fußball. Der Sportartikelhersteller Nike machte sich diesen in einer Kampagne zur Fußball-WM 2002 zunutze und ließ Superstars wie Ronaldo, Roberto Carlos, Luis Figo, Thierry Henry oder Edgar Davids in mehreren 30-sekündigen Spots gegeneinander antreten. Drei gegen drei, das erste Tor gewinnt, wenn nach drei Minuten kein Tor fällt, sind beide Teams ausgeschieden. Die Kampagne wurde zu einem derartigen Erfolg, dass an den anschließend von Nike in 12 Städten weltweit organisierten Turnieren nach diesen sogenannten „Scorpion K.O.“-Regeln über eine Million Kinder teilnahmen. 

Trotz aller Beliebtheit des Käfigfußballs geht der DFB ausgerechnet bei seinen Hallenfußball-Regeln genau den umgekehrten Weg. Waren bei offiziellen Verbandsturnieren des Fußball-Dachverbands oder seiner Mitgliedsverbände bis vor wenigen Jahren noch Turniere mit zumindest einer Bande auf einer Längsseite des Spielfelds üblich, schaffte man das Bandenspiel inzwischen ab: In Zukunft darf auf den offiziellen Turnieren des Verbands nur noch Futsal gespielt werden. Das ist eigentlich eine eigene Sportart und gilt als international anerkannte Variante des Hallenfußballs. Hier gibt es keine Bande, Einschuss statt Einrollen und Mannschaftsfouls werden, ähnlich wie etwa im Basketball, gezählt und ab einer Anzahl von sechs Fouls mit einem „Zehnmeter“ bestraft.

Gefördert werden soll technisches Spiel, körperloses Spiel, schnelles Spiel. Und Verletzungen, die beim Hallenfußball deutlich häufiger als auf grünem Rasen auftreten, soll vorgebeugt werden. Das geht alles zulasten der Zweikämpfe und des Spielrhytmus. Dieser wird nämlich durch die vielen kleinen Unterbrechungen immer wieder gebremst. Viele Amateurspieler sind genervt von der Regeländerung. Sie gehen deshalb lieber Indoor-Soccer spielen. Mit Bande, mit Rasen, und ohne komplizierte Regeln. Wie auf dem Bolzplatz eben. 

veröffentlicht am 23.10.2015

Fotocredits:

Bild1: © sonnenflut products / Fotolia.com

Bild 2: © Wanja Jacob / Fotolia.com

Bild 3: © Andrea Sachs / Fotolia.com

Bild 4: © Eduard Warkentin / Fotolia.com

Bild 5: © belamy / Fotolia.com

 

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