Teil 2 zum Jakobsweglauf von Mario Fedoran

Mario Fedoran joggte auf dem spanischen Jakobsweg fast 700 km.  Foto: privatMorgens um 9:35 dort angekommen, wollte ich mich nicht ausruhen sondern sofort auf den langen Weg machen. Ich begab mich also zum nächsten Pilgerbüro um mir einen Pilgerausweis ausstellen zu lassen und machte mich auf den Weg. Die Wetterbedingungen hätten für mich nicht besser sein können. Es regnete, aber das war mir lieber, als bei Hitze und Sonnenschein die ersten harten Etappen des Camino Frances zu beginnen. Der Pilgerweg führte mich schnell aus dem Ort in Richtung Pyrenäen hinauf.

Trotz schlechter Sichtverhältnisse und nasser, rutschiger Wege kam ich zügig am Gipfel an, von dem man sagt, die schönste Sicht auf dem ganzen Weg zu haben. Doch leider hatte ich nichts davon, denn durch den Regen konnte ich nicht einmal 50 Meter weit sehen. Beim Anblick meiner sehr leichten Runningausrüstung machten die anderen Pilger mit ihren Wanderschuhen, Trekkingstöcken und festen Regenkleidung auf dem Weg ein Gesicht als würden sie denken, ich sei nicht ganz bei Trost. Ich sah also eher aus wie ein gewöhnlicher Jogger, nicht aber wie ein Pilger, der vorhat, den Jakobsweg zu laufen. 

Auf dem Weg hinunter ins Tal war ich hochkonzentriert und begann trotz nasser Wege, den Berg hinunter zu joggen. Ich nahm um mich herum nichts mehr wahr und bemerkte gar nicht, wie die Stunden vergingen als ich die erste Pilgerherberge in Rochesvales erreichte. Für mich war es aber noch zu früh um aufzuhören und so beschloss ich, noch ein paar Kilometer bis zum Abend weiter zu laufen. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, den Camino Frances in etwa 17 bis 19 Tagen zurückzulegen. Allerdings erkannte ich schon nach der ersten Etappe, dass das mir zur Verfügung stehende Geld für diese Zeit nicht ausreichen würde und sah mich gezwungen, größere Etappen auf mich zu nehmen. Gegen Abend kam ich dann an meinem ersten Etappenziel an, wo ich in einem günstigen Privatzimmer übernachtete.

Am nächsten Morgen machte ich mich schon früh wieder auf dem Weg und es regnete wieder. Ich sah, dass der Jakobsweg nur etwa 200 Meter von der Landstrasse nach Pamplona, dem nächsten Etappenziel, verläuft und  entschloss mich, bedingt durch die Witterungsverhältnisse und die Umwege des vorgegebenen Jakobsweges, auf ihr zu laufen um so dem Matsch zu entgehen und mein Etappenziel früher erreichen zu können. Für einen Jogger war die Strasse wunderbar und es waren nur 21 Kilometer bis nach Pamplona. Nach etwa dreieinhalb Stunden bin ich dann dort angekommen. Pamplona ist ja bekannt für seine Stierrennen, die gerade zu meinem Ankommen stattfanden und so gab es in der Stadt eine riesige Fiesta, die ich mir kurz anschaute um mich dann weiter auf den Weg zu machen.

Nachdem ich Pamplona hinter mir ließ wusste ich, dass ich den schlimmsten und anstrengendsten Teil des Camino bereits hinter mir hatte und freute mich auf das nun kommende Etappenstück zwischen Burgos und Leon, das in den kommenden Tagen auf mich wartete. Die Meseta, eine trockene und heiße Hochebene im kastilischen Inland erwartete mich. Der Jakobsweg dort verläuft häufig nur geradeaus und man kann kilometerweit sehen. Die Landschaft besitzt eine unheimliche Weite und lässt einen denken, nur noch ein paar Kilometer von der nächsten Pilgerherberge entfernt zu sein um dann nach Stunden festzustellen, dass man die Entfernung doch sehr unterschätzt hat. Es kommt einem vor, in einer riesigen heißen und trockenen Kornkammer zu laufen. Auf diesem Teilstück konnte ich eine ganze Menge über mich lernen: mir wurde bewusst, dass es nicht der Rucksack mit seinen acht Kilogramm Gewicht war, der dieses Stück so anstrengend werden ließ, sondern dass es die Last, die ich in mir selbst trage, war, die mich so schwerfällig machte.

Schon seit Jahrhunderten sind Menschen diesen Weg gelaufen und haben ihre Spuren hinterlassen, die dann ebenso wie meine durch den Wind sofort wieder verwischt worden sind. Ich erkannte wie vergänglich alles ist und wie viel Wert ein Augenblick besitzt. Ebenso war ich mir nie selber so nah wie hier auf diesem trostlosen Weg. Es ist unglaublich wie sich der eigenen Blickwinkel zu sich selbst verändern kann. Ich hatte das Gefühl auf der strecke und in dieser Einsamkeit zu meinen Wurzeln zurückzukommen. Hier habe ich gespürt, dass uns Menschen das Laufen angeboren ist, wir es in unserer modernen Zivilisation aber fast vergessen haben. Ich fühlte mich seltsam, denn obwohl ich jeden Tag etwa 14 Stunden von morgens bis abends gelaufen bin und nur um zu essen und um anderen Bedürfnissen nachzukommen eine Pause einlegte, mir nichts wehtat. Ich hatte noch nicht einmal eine Blase am Fuß.

veröffentlicht am 29.07.2008

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