Fortsetzung: Patagonian Expedition Race
Die Pause hat den Deutschen sichtlich gut getan. Angesichts des bevorstehenden Treks über die Darwin-Kordillere ist es auch ratsam, sämtliche Kraftreserven zur Verfügung zu haben. Zweifelsohne ist diese Etappe die größte Herausforderung des Rennens.
Der Aufstieg zu den Gipfeln führt durch üppige Wälder, die ebenso unberührt wie unwegsam sind. Die einzigen Spuren, die man hier findet, stammen von Guanacos oder Bibern. „Ich habe damit gerechnet, dass Wege nicht immer vorgegeben sind.
Aber es gab überhaupt keine Wege, nichts!“, schildert Thoralf Berg. Ständig erschweren gefallene Bäume das Weiterkommen. Abseits der Wälder warten Sumpf- und Torfmooslandschaften auf die Athleten, in die sie zum Teil brusttief einsinken.
Flüsse durchziehen die Landschaft wie Adern. In beständiger Regelmäßigkeit werden sie von Biberdämmen aufgestaut. Die dadurch entstehenden Teiche müssen die Teams umgehen oder durchwaten. „Der Biber verstand es gut, unser Vorankommen zum Teil gegen Null zu verlangsamen“, erinnert sich Melanie Hohenester.
Schnell wird klar, dass man die Etappe nicht in der geplanten Zeit schaffen und das einkalkulierte Essen nicht reichen wird. Oft kommen die Deutschen gerade mal einen bis zwei Kilometer pro Stunde voran. „Ich dachte, wenn das so weitergeht, verpasse ich meinen Rückflug“, scherzt Marc Pschebizin.
Hinzu kommt, dass die ausgehändigten Karten für die Orientierung in diesem Gelände nicht taugen. Die Suche nach dem zehnten Checkpoint bringt die Deutschen an den Rand der Verzweiflung. Die Lage stimmt nicht mit den Koordinaten des Plans überein. Mehrere Stunden irren sie in der Wildnis umher, ehe Rennleiter Stjepan Pavicic vom Helikopter aus den richtigen Weg weist.
Die Suche belastet nicht nur die Physis, auch die Psyche erhält einen Knacks. „Hätte ich kein Team gehabt, so wäre ich am dritten Tag aus dem Rennen ausgestiegen“, räumt Thoralf Berg ein.
Mehr als alle anderen hat er mit Blasen und schmerzenden Füßen zu kämpfen. Dazu zehren die klirrende Kälte, der ständige Hunger und der immense Schlafmangel an den Nerven.
Die spektakulären Aussichten beim Passieren der zahlreichen Gipfel entschädigen kaum für die Tortur, die der Schwedter über sich ergehen lassen muss. Die anderen, namentlich Marc Pschebizin und Melanie Hohenester, überzeugen den mehrmaligen Quadrathlonweltmeister jedoch sich durchzubeißen.
So quält er sich über die Kordillere bis Yendegaia, dem Ende der Trekkingstrecke. Trotz der Widrigkeiten haben sich die Deutschen auf den vierten Platz vorgekämpft, bislang ein hervorragendes Ergebnis.
Wenngleich sich Vorjahressieger Helly Hanson Prunesco und das spanische Team außer Reichweite befinden, sind die drittplatzierten Schweizer noch zu packen. Allerdings steht die Kayaketappe bevor.
Wie sich Anfängerin Melanie Hohenester auf dem Wasser schlagen wird, ist fraglich. „Als wir in Yendega ankamen, habe ich inständig gehofft, es möge stürmen und schneien, so dass die Etappe ausfällt“, schmunzelt die 36-jährige.
Doch das Gegenteil ist der Fall: das patagonische Wetter zeigt sich von seiner besten Seite, als ob es Mitleid für die entkräfteten Athleten habe. Es herrscht Sonnenschein und Windstille. Die Aussicht auf die umliegenden schneebedeckten Berge ist atemberaubend.
Dieses Mal kommt die Münchnerin nicht um das Kayaking umhin. Bei Melanie Hohenester lässt die Kraft schnell nach, zudem entzündet sich eine Sehne und ihr rechter Arm fängt an zu schmerzen. Erfreulicherweise machen sich die Qualitäten von Thoralf Berg im Kayak bezahlt.
War er in den Bergen noch das schwächste Glied in der Kette, paddelt er nun für zwei und sorgt dafür, dass der Rückstand auf die Schweizer nur geringfügig größer wird.
Als das Team auf der Isla Navarino ankommt, gilt es nur noch eine Trekkingetappe bis zum sehnlich herbei gewünschten Ziel zu bewältigen. Die Deutschen versuchen sich an die Fersen des finnischen Teams zu heften, die kurz vor Ihnen das Ufer erreichen, aber wegen eines Ausfalls außer Konkurrenz mitlaufen.
Mit großem Geschick navigieren die Skandinavier durch den dichten Wald. Die Deutschen verlieren bald den Anschluss. Die Beine sind müde und tragen nicht mehr wie sie sollen. Wenigstens gelingt es ihnen, sich auch ohne Hilfe der Nordländer den Weg durch das Dickicht zu bahnen.
Anders die Schweizer, die sich verirren und gleich zwei Stunden verlieren. Der dritte Platz liegt plötzlich in greifbarer Nähe. Der Vorsprung der Eidgenossen schmilzt und schmilzt. Doch es reicht nicht.
Letztendlich rettet sich das Schweizer Team mit einem Vorsprung von zwölf Minuten ins Ziel.
Und dennoch: die Freude ist groß als die Deutschen nach 145 Stunden und sechs Minuten die Ziellinie erreichen. Der Stolz, der Herausforderung und den Unannehmlichkeiten des Rennens die Stirn geboten zu haben, steht den vier Athleten ins Gesicht geschrieben, die Platzierung ist da zweitrangig.
„Unser Team hat erstmalig in dieser Konstellation an einem Abenteuerrennen teilgenommen. Außer mir hatte keiner der anderen Teammitglieder Erfahrung in solchen Rennen. Daher sind wir schon sehr glücklich, dass wir dieses extrem harte Rennen bis zum Ende durchgezogen haben“, resümiert Marc Pschebizin.
Seine Teamgefährten pflichten ihm bei. „Wir wollten einfach nur das Ziel erreichen. Die Freude ist riesig, dass wir das geschafft haben und die Leiden jetzt ein Ende haben“, so Melanie Hohenester. Nach 550 Kilometern.
Später dürfen sich die Deutschen dann sogar doch noch über die Bronzemedaille freuen. Wegen der Kontroversen um den zehnten Checkpoint, der sich aufgrund logistischer Probleme einige hundert Meter vom ursprünglich geplanten Standort verlegt wurde, einigt sich das Team mit den Schweizern darauf, den dritten Platz zu teilen.
„Bei einem solchen Rennen sind zwölf Minuten nichts. Beide Teams haben eine hervorragende Leistung gezeigt“, erklärt Bernhard Hug, der Kapitän des Schweizer Teams.
Vom Zielort werden die Teams nach Puerto Williams gefahren, dem südlichsten Dorf der Welt. Hier treten sie mit einem Kriegsschiff des chilenischen Militärs die 36 Stunden lange Rückreise nach Punta Arenas an. Der Hälfte der teilnehmenden Teams bleibt dieses Erlebnis vergönnt.
Sie mussten wegen Verletzungen aufgeben oder wurden disqualifiziert, weil sie einen Checkpoint nicht in der vorgegebenen Zeit erreichten, und wurden frühzeitig zurück nach Punta Arenas gebracht.
Die an Deck befindlichen Athleten wirken wie Schiffbrüchige, die von einer einsamen Insel errettet wurden - unrasiert, abgemagert, erschöpft, aber glücklich. Das deutsche Team genießt die warmen Sonnenstrahlen in einem Rettungsboot am Arbeitsdeck.
Lediglich Thoralf Berg fehlt, der sich auf einer Pritsche im Laderaum von seinen Leiden erholt. Über den Köpfen prangt an der Kommandobrücke die Losung des chilenischen Militärs - „Vencer o morrir – siegen oder sterben“. Man könnte meinen, es sei das Motto des Rennens gewesen.
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Briten gewinnen Patagonian Expedition Race 2010
In nur fünf Tagen, sechs Stunden und acht Minuten durchquerte das britische Team Helly Hansen-Prunesco die fast 600 Kilometer Wildnis Patagoniens und verteidigte zudem den Titel aus dem vorherigen Jahr.
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