→ Behind the Rainbow: Interview mit Stefan Glowacz

Behind the Rainbow: Stefan Glowacz im Interview

Der Extremkletterer Stefan Glowacz erzählt im Interview von seiner Venezuela-Expedition. Auf der Expedition an den Tafelberg Roraima begleitete den Kletterer eine emotionale Belastung.

Kletterer Stefan Glowacz und Seilpartner Holger Heuber sind Profis. Auf Expeditionen bereiten sie sich akribisch vor, Unplanbares rechnen sie mit ein. An ihre körperlichen Grenzen zu gehen, ist fester Bestandteil ihrer Unternehmungen in unerkundete Ecken dieser Welt.

Doch dieses Mal war etwas anders. Keiner hat gewusst, wie sie es verkraften würden, wenn sie zu zweit eine Expedition vollenden, die sie eigentlich zu dritt hätten abschließen sollen: mit ihrem Freund Kurt Albert. Er war im Herbst 2010 tödlich verunglückt.

In seinem Sinn haben Glowacz und Heuber ihr Ziel im Dezember 2010 erreicht: die Erstbegehung der Wand La Proa. Der Name der Route, „Behind the Rainbow“, steckt voller Erinnerungen an ein unbeschreibliches Erlebnis und einen unbeschreiblichen Freund. Stefan Glowacz erklärt, warum.

Herr Glowacz, Sie haben von Anfang an gesagt, Sie wollen die Expedition im Sinne von Kurt Albert vollenden. Ein „Kurt-Albert-Gedächtnisweg“ als Routenname kam für Sie aber nie in Frage. Was hat „Behind the Rainbow“ nun mit Ihrem Freund zu tun?
„Das war in erster Linie Holgers Idee. Er hat nach der Erstbegehung an ein Bild gedacht, das er auch bei seinen Vorträgen immer wieder verwendet. Es zeigt Kurt, wie er einen Regenbogen nach oben stemmt. Und Holger meinte zurecht: ,Das Leben von Kurt war so bunt und schillernd wie ein Regenbogen.’ Er war etwas Besonderes. Und das ist die Route auch. ,Behind the Rainbow’ passt perfekt.“

Im Frühjahr haben Sie die ersten sieben Seillängen noch mit Kurt Albert durchstiegen. Als Sie die Expedition abbrechen mussten, haben Sie Material zurückgelassen. Wie sind Sie damit zurechtgekommen, an diese Stelle zurückzukehren?
„Es war nicht leicht. Kurts Helm hing noch in der Wand. Es war, als wäre er irgendwie da – und eben doch nicht. Holger und ich haben aber kaum über die Situation gesprochen. Als wir zur siebten Seillänge gekommen sind, herrschte Stille.“ Dieses Gefühl hat vermutlich die Expedition geprägt: Kurt Albert war dabei, aber nicht körperlich. „Er war immer präsent. Schließlich war er ein tragendes Element der Expedition. Zu erkennen, dass er nie mehr dabei sein wird, war schmerzhaft. Manche Momente waren dabei melancholischer als andere.“

Welche?
„Im Biwak in der Wand denkst Du zum Beispiel an die vielen lustigen Momente, die Du noch vor ein paar Monaten mit Kurt an genau dieser Stelle hattest. Das macht traurig. Oder Du stehst am Standplatz beim Sichern nicht mehr zu dritt, sondern zu zweit. In solchen Situationen wurde uns der permanent leere, unaufgefüllte Platz neben uns stark bewusst.“

Hat diese Belastung die Expedition zu Ihrer vielleicht schwierigsten gemacht?
„Emotional sind wir bei jeder Unternehmung gefordert. Es zehrt an den Nerven, wenn zum Beispiel das Wetter nicht mitspielt oder ungeplante Schwierigkeiten auftreten. Das alles aber ist mit der Belastung in Venezuela nicht zu vergleichen. So gesehen war die Expedition mit Sicherheit eine der schwierigsten.“

Kurz nach Ihrer Rückkehr kannte Ihre Begeisterung kaum Grenzen.
„Das eine schließt das andere nicht aus. Holger und ich haben immer gesagt, wir wollen die Expedition im Sinne von Kurt vollenden. Das ist uns gelungen. Und das ist ein wunderbares Gefühl.“

Ihren ersten Besteigungsversuch mussten Sie wegen des schlechten Wetters abbrechen. Hat dieses Mal nur die Sonne geschienen?
„Ganz im Gegenteil. Wir konnten die Uhr danach stellen: Täglich hat es ab Mittag geschüttet und geschüttet. Sintflutartig schoss innerhalb von kürzester Zeit das Wasser vom Berg herunter, in riesigen Wasserfällen. Es war permanent nass.“

Wie lässt sich da klettern?
„Wir waren jedes Mal froh, wenn wir in der Wand waren. Denn das war der einzig trockene Ort. Alles war nass und feucht: die Kleidung, die Haken, das Seil, nur nicht der Fels. Die Route, die wir durch die Wand gewählt hatten, war in den letzten neun Seillängen so überhängend, dass das Wasser hinter uns vorbeigeschossen ist. Zum Teil war es so laut, dass Holger und ich uns nur über lautes Schreien verständigen konnten. Es war bizarr.“

Und das war schön?
„Es war atemberaubend, wirklich unglaublich. Die Natur, der Fels, die Lichtverhältnisse. Einfach unbeschreiblich. Das war wohl die schönste Kletterei, die ich jemals gemacht habe. Auch wegen der Dramaturgie: Es wird kontinuierlich schwerer. Die Schlüsselstelle im zehnten Schwierigkeitsgrad kommt in der letzten, der 16. Seillänge.“

Ihre Erfahrungen werden ab Herbst im Kino zu sehen sein. Ein achtköpfiges Filmteam hat Sie dafür nach Venezuela begleitet. Inwiefern hat das die Expedition beeinflusst?
„Das diktiert den Ablauf. Wir waren etwa vier Wochen unterwegs, davon nur eine Woche in der Wand. Den Rest der Zeit standen Dreharbeiten auf dem Programm. Die Aufnahmen aber entschädigen für alles. Sie verraten einen weiteren Grund, weshalb der Name ,Behind the Rainbow’ so perfekt zur Route passt: Wenn die Sonne durchgedrungen ist, sind wir genau unter einem Regenbogen geklettert. Und das war fast jeden Tag.“

Hintergrund: Im Frühjahr 2010 starteten Stefan Glowacz, Holger Heuber und Kurt Albert den ersten Versuch, die Wand La Proa im Dreiländereck von British Guyana, Venezuela und Brasilien zu durchsteigen. Nach sieben Seillängen im oberen neunten Schwierigkeitsgrad am Tafelberg Roraima Tepuis musste das Team seinen Versuch wegen des schlechten Wetters abbrechen.

Im November 2010 reisten sie erneut an – zu zweit. Denn Albert konnte nicht mehr dabei sein. Die Kletter-Legende war im September 2010 an einem Klettersteig in der Fränkischen Schweiz abgestürzt und seinen schweren Verletzungen erlegen.

veröffentlicht am 21.01.2011
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