Ein Mann, ein Rad, Island - auf dem Einrad quer über die Insel:

Ein Mann hat die harte Tour auf sich genommen: mit dem Einrad einmal durch Island, insgesamt über 400 Kilometer. Ein unfassbares Unterfangen mit vielen Höhen und vielen Tiefen. Ein Erfahrungsbericht von Florian Kaiser.

Einrad Island Extremtour.  Foto: Florian Kaiser„In dieser Richtung muss die Hütte sein...“ ich versuche mich zu orientieren, wo es nichts zum orientieren gibt. Nicht einmal meine eigene Hand vor Augen kann ich sehen, Schwefelgeruch liegt in der Luft. Mein Einrad geschultert, ein Rucksack der elendig schwer ist, ich am Ende meiner Kräfte.

Ans Stehen bleiben ist gar nicht zu denken, denn es ist heiß, so heiß, dass ich das Gefühl habe, dass meine Schuhe anfangen von unten zu schmelzen. Immer wieder kommt mir der Satz in den Kopf: „bloß den gelben Stellen ausweichen, dort kann es noch flüssig darunter sein.“ Plötzlich rutsche ich ab, greife reflexartig... aahh Mist, so schnell wie ich zugreife, lasse ich wieder los. Das gibt eine Brandblase.

Ich bin auf der Insel, auf 1.000 Metern über dem Meeresspiegel, in Richtung Süden unterwegs. Mir tönt es noch immer in den Ohren: „wenn du nach Skogar willst...“ „cross the new lava field some did it before, its ok, it´s cold enough.“ Die Isländer gehen wohl sehr locker mit Feuer und Eis um.

Sie waren schon, froh dass dieser Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen, der Europa tagelang lahm legte endlich ausbrach. Der war eh schon überfällig und fünf bis sieben Vulkane stehen stehen schon auf der Warteliste.

Einrad Island Extremtour.  Foto: Florian KaiserDoch für mich ist es eine Herausforderung, den Weg durch das Labyrinth aus drei bis vier Meter hohen brüchigen Lavaformationen zu finden. Überall dampft es so viel, dass ich nichts mehr sehen kann. Dazu kommt noch die Hitze, vom Gestank kaum zu reden.

Was ist nun los? Ich stehe auf einem schlammigen Untergrund und mir ist wieder eisig kalt. Der Schlamm ist eine Mischung aus Schnee und Asche. Wieder versuche ich mich zu orientieren, doch in diesem Nebel kann ich einfach nichts erkennen - Spuren, die im Nichts enden. Ich - zurück zum Lavendelfeld. Wo ist es? Also muss das GPS herhalten und den Wegpunkt zur Hütte suchen, den ich mir im Tal noch vorsorglich eingespeichert  hatte.

Nichts ist leichter als das, wenn das Signal nicht so schlecht ist wie dort. Ich bin verzweifelt, der Schlamm aus Asche und Schnee klebt am Einrad und an den Schuhen  macht alles noch viel schwerer.

Was mache ich eigentlich hier allein im Nirgendwo? Mit einem Einrad? So eine blöde Idee. Ich wurde schon des öfteren auf meiner Tour angesprochen, ob ich eine Wette verloren habe oder warum ich mir so was zumute. Nein, war es eine eher Wette mit mir selbst, die zu gewinnen galt. Das Ziel war, mit dem Einrad als Erster von West nach Ost quer durch Island zu überstehen.
Der erste Einradler hat es schon geschafft. Einmal diese Runde.

Einrad Island Extremtour.  Foto: Florian KaiserVerdammt so war ich eh nur noch der Zweite. Ein Monat vor mir. Mit dem Einrad die Ringstraße entlang, die Lebensader Islands, die die karge Zivilisation entlang der Küsten verbindet. Sobald die Ringstraße ins Landesinnere verlassen wird, ist es aus. Dort kommt das Weite.

Dort ist eine Landschaft mit Narben, wie deutlich zu erkennen ist. Island ist der Zipper, der den Reißverschluss zwischen der amerikanischen und der eurasischen Erdplatten schließt. Island ist eine Wüste aus Sand, Asche, Geröll, Moos, bewachsenen Lavafeldern und durchzogen von Gletscherflüssen, kurz über dem Gefrierpunkt, die es immer wieder zu durchqueren gilt.

Das ist kein Zuckerschlecken und kein Badespaß. Auf der anderen Seite eines solchen Flussbetts  angekommen, der meist auch aus mehreren Verästelungen besteht, und gern mal über 100 Meter breit ist, war ich immer wieder froh, wenn ich mein Gefühl über meine Zehenspitzen zurück erlangte.

Anstatt in Mitten von Island in Richtung Norden die schwierigste Route über die Sprengisandur zu nehmen, bin ich in Richtung Süden über die beliebteste Wanderroute Islands gezogen, damm über den der Laugarweg und anschließend über Pässe zurück in die Zivilisation. Ich habe dort die geplante Durchquerung abgebrochen, da die Flüsse Mitte Juni durch die Schneeschmelze einfach noch zu tief sind.

Einrad Island Extremtour.  Foto: Florian KaiserZwischendurch begleitet mich auch eine Gruppe Franzosen. Das Essen ist zwar knapp, aber ich teile alles was ich habe. Im Gegenzug bekomme ich auch hin und wieder mit warme Speisen und darf deren Köcher mit benutzen. So kann ich auch mal mein Müsli warm genießen. Denn ich habe aus Gewichtsgründen nichts dabei, außer meinen Schlafsack, ein Zelt, Proviant und die Kleidung, insgesamt 21 Tage lang.

Ich habe die letzten Tage kaum gegessen. Viel zu wenig. Gestern wurde ich noch von einer Hüttenwirtin versorgt. Die rettende Energiezufuhr nahm ich dankend an, denn ohne die wäre ich nicht bis hier her gekommen.

Jetzt stehe ich hier alleine und Tränen der Verzweiflung laufen mir runter. Ich schreie ins Weiß und Grau meine Verzweiflung heraus, 12 Tage nach meinen Start vom „international Airport“. Mehr als  400 km war ich schon unterwegs. Immer wieder Spuren, die im nichts enden. Immerhin hab ich mich der Hütte laut GPS bis auf 100 Meter genähert aber von einer Hütte keine Spur.

Hoffentlich hab ich die richtigen GPS-Daten richtig eingegeben, so ein kleiner Zahlendreher kann schon zum Verhängnis werden.
Mir geistern immer wieder die Bilder im inneren Auge herum. Vom Buch „in to the wild“, der Ami, der alleine in Alaska von der Natur leben wollte, aber durch einen kleinen Fehler umkam, so wie die Gedenktafel 50 Kilometer nördlich vor der Hütte, so wie die Nachricht zweier Erfrorener im  Februar 2010 an diesem Gletscher.

Einrad Island Extremtour.  Foto: Florian KaiserIch bin total erschöpft. Immer wieder kniee ich mich hin. Auf, auf weiter, ja nicht stehen bleiben, immer weiter! Was ist denn das?
Endlich ein Licht am Ende des Tunnels. So ein gelber Pfosten, 2 Meter vor mir, aber wo ist der nächste? Spuren sind im schwarzen Schnee zu erkennen.

Inzwischen hat mein GPS gemeckert, „Sie haben das Ziel erreicht“. Doch weit und breit keine Hütte in Sicht. Kein Wunder ich kann auch nicht mal 5 Meter weit sehen, ich bin total am Ende - egal. Weiter, weiter einfach den Spuren folgen die führen dich schon wohin. Es geht buchstäblich stetig bergauf.

Vor mir baut sich was Unerkennbares auf. Ein Felsen? Nein es ist... es ist..  endlich die Hütte. Ich habe es  geschafft. Lass die bloß offen sein...“  Ich habe Glück, über den Hintereingang geht es  rein. Hier bleibe ich, bis der Nebel weg ist.
Ich setz mich auf eins der Betten und schlafe sofort ein. So erschöpft war ich noch nie!

Wenig später kommt auch der Hüttenwirt Uwe, der ab heute den ersten Tag die Hütte bewirten soll. Ich helfe die Hütte von der knietiefen Asche zu befreien und darf dafür umsonst bleiben. Am Abend kommt noch ein Truppe Isländer an. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass dies „Trailbauer“ sind und den Weg über die Lava abstecken.

Einrad Island Extremtour.  Foto: Florian KaiserÜber Satellitenbilder wird mir klar, dass ich über die breiteste Stelle des Lavaflusses hinweg bin. Ab heute ist dieser wieder ein offizieller offener Wanderweg. Der Nebel ist immer noch zu dicht, ich hänge mich an ein italienisches Paar ran, die den Weg ins Tal kennen. Sobald sich die Sicht besserte sattele ich wieder mein Einrad und fahre bis zur Küste.

Hier beginnt für mich der dritte Abschnitt meiner Reise. Der Erste war so schnell wie möglich nach Osten, mit dem Ziel vor Augen: die Durchquerung. Der zweite Abschnitt führt in den Süden zur Küste, zurück in die Zivilisation. Nun war das Ziel zum Flughafen zu gelangen. Nur noch relaxt an der Straße entlang.

Was ich im Nachhinein stressiger fand, als allein auf Abwegen zu sein. Der ganze Verkehr und nur Kilometer für Kilometer vor sich herfahren. Ich beschloeße somit das ganze Straßengeeier zu beschleunigen indem ich jeden Tag über meine geplanten Ziele hinaus fahre. Was sich auszahlt, denn so habe ich noch Zeit ein paar Tage in einem wunderschönen Wandergebiet, ca. 40 Kilometer von Reykjavik entfernt, zu pausieren.

Dort treffe ich wieder lustige Leute um Fotos und Filme aufnehmen zu können. Dort bade ich in heißen Flüssen und endlich kann ich über den heißen Quellen kochen. Anschließend teile ich mir noch die letzten 100 Kilometer zum Flughafen in mundgerechte Häppchen auf.Island ist ein Land was sich mit Recht Feuer und Eis nennen darf und einen besonderen Reiz besitzt. Island lohnt es sich immer wieder besucht zu werden, auch alleine auf Abwegen.

Zur Bildergalerie meiner Tour geht´s hier entlang.

veröffentlicht am 30.07.2010
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